Die Green Bay Packers sind mit einer bitteren 22:39-Niederlage bei den Minnesota Vikings in die neue Saison gestartet. Dabei sah über weite Strecken vieles danach aus, als könnte Green Bay den wichtigen Divisionssieg aus Minneapolis mitnehmen. Die Packers führten zur Halbzeit mit 19:10 und im dritten Viertel sogar mit 22:10 – anschließend erzielten die Vikings allerdings 29 Punkte in Folge.
Bereits vor dem Kickoff stand dabei insbesondere die Offensive Line im Fokus. Left Guard Aaron Banks musste kurzfristig passen. Für ihn rückte Donovan Jennings in die Startformation. Besonders bemerkenswert: Jennings hatte zuvor lediglich sechs offensive NFL-Snaps absolviert. Damit starteten die Packers von links nach rechts mit Jordan Morgan – Donovan Jennings – Sean Rhyan – Jacob Monk – Zach Bako-Bewele.
Dass ausgerechnet die O-Line zum zentralen Punkt der Niederlage werden würde, zeichnete sich in der ersten Hälfte noch kaum ab. Jordan Love und insbesondere Christian Watson sorgten mehrfach für explosive Plays. In der zweiten Halbzeit erhöhte Vikings-Defensive-Coordinator Brian Flores jedoch massiv den Druck – und Green Bays Protection fand darauf letztlich keine Antwort.
Auf einen Blick
- 22:10-Führung wird zum 22:39
- 29 unbeantwortete Vikings-Punkte
- Eigentlich eine solide bis gute Defense-Leistung
- O-Line kollabiert gegen Flores‘ Blitzes
- Drei Turnover entscheiden die Schlussphase
Perfekter Start für die Defense
Ja, was soll man sagen, damit hätten selbst die kühnsten Fans nicht gerechnet. Im ersten Play nach dem Kickoff konnte Cornerback Keisean Nixon den Vikings-Runningback Aaron Jones zum Tackle for Loss stoppen. Im direkt darauffolgenden Play fing ebendieser in der Kritik stehende Nixon den Pass von Vikings-Quarterback Kyler Murray zur Interception und zum Turnover ab.
Die gute Feldposition konnte die Offense aber noch nicht nutzen, sodass sich die Gäste aus Wisconsin mit einem Field Goal begnügen mussten. Dieses Field Goal verwandelte Rookie-Kicker Trey Smack aus sage und schreibe 59 Yards sicher zum 3:0.
Nach einem Vikings-Punt folgte das erste große offensive Ausrufezeichen der Saison. Jordan Love fand Christian Watson über die Mitte und er trug den Ball über 81 Yards zum Touchdown. Lediglich der verschossene Extrapunkt verhinderte die perfekte Ausbeute – 9:0 Green Bay.
Minnesota verlor während des nächsten Drives zudem Starting-Quarterback Kyler Murray. Bei einem Scramble wurde der Quarterback von Javon Bullard getroffen und musste anschließend mit einer Gehirnerschütterung die Partie verlassen. Für ihn übernahm Carson Wentz. Die Packers hielten Minnesota zunächst aus der Endzone und gestatteten nur ein Field Goal zum 9:3.
Ein 59-Yard-Kickoff-Return von Bo Melton sorgte unmittelbar danach wieder für hervorragende Feldposition. Die Offense konnte daraus erneut keinen Touchdown erzielen, Smack erhöhte aber per 43-Yard-Field-Goal auf 12:3.
Vermeintliche Kontrolle zur Pause
Anschließend wurde die Partie deutlich zerfahrener. Beide Offenses tauschten Punts aus. Green Bays Defense erzeugte weiterhin Druck, unter anderem durch einen Sack von Lukas Van Ness, während die eigene Offense trotz guter Feldposition zu wenig Kapital aus ihren Möglichkeiten schlagen konnte. Das rächte sich kurz vor der Pause.
Die Vikings arbeiteten sich über 85 Yards über das Feld. Green Bay hatte dabei mehrfach Möglichkeiten, den Drive zu beenden, und stand sich mit zwei Strafen gegen die Defense selbst im Weg. Am Ende nutzte Minnesota einen Free Play nach einem Offside von Van Ness: Wentz warf tief auf Justin Jefferson, der sich gegen Rookie-Cornerback Brandon Cisse durchsetzte und den 39-Yard-Touchdown zum 12:10 erzielte.
Doch die Reaktion der Packers war stark. Mit nur 1:55 Minuten auf der Uhr führte Love seine Offense aggressiv über das Feld. Tucker Kraft brachte 23 Yards, Bo Melton weitere zehn und Watson anschließend 32. Kurz vor der Endzone war es erneut Christian Watson, der den quasi alten Abstand wiederherstellte und seinen zweiten Touchdown fing. 19:10 zur Halbzeit.
Kein Finish
Der Beginn der zweiten Hälfte lieferte bereits den ersten Warnschuss. Green Bay eröffnete mit einem Punt, Minnesota antwortete ebenfalls mit einem Punt. Beim folgenden Drive zeigte Love dann aber erneut seine Klasse. Unter starkem Druck fand er Matthew Golden für 13 Yards, später Jayden Reed zur Conversion und schließlich Jonnu Smith für einen 43-Yard-Gain bis tief in die Red Zone. Doch wieder gelang der Offense kein Touchdown. Smack traf aus 26 Yards zum 22:10.
Direkt danach kippte erstmals spürbar das Momentum. Vikings-Returner Myles Price retournierte den Kickoff über 69 Yards und schenkte Minnesota eine ausgezeichnete Feldposition. Wenige Plays später fand Quarterback Carson Wentz seinen Tight End T.J. Hockenson über 16 Yards zum Touchdown. Aus 22:10 wurde innerhalb kürzester Zeit 22:17.
Die folgenschwere Entscheidung bei Fourth Down
Green Bay antwortete eigentlich erneut stark. Nach einem Sack und 2nd-and-20 blieb Love ruhig und fand Matthew Golden über 43 Yards. Der Drive stockte anschließend allerdings. Smack kam bei 4th & 6 für ein Field Goal aufs Feld – und Minnesota beging bei dessen Versuch eine Strafe. Die Packers hätten die Punkte nehmen können. Stattdessen nahm Matt LaFleur das Field Goal vom Board und ließ die Offense bei 4th & 1 auf dem Feld. Love versuchte den Quarterback-Sneak. Die Schiedsrichter entschieden: zu kurz. Turnover on Downs.
Ob die Entscheidung für Fourth Down grundsätzlich falsch war, lässt sich diskutieren. Mit einer möglichen Acht-Punkte-Führung war das Field Goal allerdings durchaus wertvoll. Entscheidend war letztlich: Green Bay hatte erneut eine Gelegenheit, Abstand zwischen sich und Minnesota zu bringen – und tat es nicht.
Drei Third Downs, drei (fragwürdige) Flaggen – und plötzlich führt Minnesota
Was anschließend folgte, dürfte den Packers besonders wehtun. Green Bays Defense stoppte Minnesota mehrfach – zumindest vermeintlich. Zunächst brachte Edgerrin Cooper Wentz bei Third Down zu Boden. Doch ein diskussionswürdiges Illegal-Contact-Foul gegen Javon Bullard schenkte Minnesota ein neues First Down. Wenig später folgte erneut ein Third-Down-Stop. Dieses Mal wurde Chris McClellan fälschlicherweise wegen Roughing the Passer bestraft. Und schließlich fing Evan Williams in der Endzone sogar einen Pass von Wentz zur Interception ab. Doch auch dieser Turnover zählte fälschlicherweise nicht: Angebliches Holding gegen Xavier McKinney. Drei Situationen, in denen Green Bay den Drive hätte beenden können – dreimal ging es wegen einer Flagge weiter.
Runningback Aaron Jones bestrafte seinen ehemaligen Arbeitgeber schließlich per 3-Yard-Touchdown. Die anschließende Two-Point-Conversion auf Justin Jefferson brachte Minnesota erstmals in Führung: 25:22 Vikings.
Der komplette Kollaps
Jetzt zeigte Minnesota, warum Brian Flores‘ Defense so unangenehm zu spielen ist. Die Vikings erhöhten den Druck massiv. Green Bays Offensive Line bekam die aggressiven Blitz-Pakete nicht mehr kontrolliert. Runningback MarShawn Lloyd verlor zunächst drei Yards. Anschließend wurde Love bei zwei aufeinanderfolgenden Plays gesackt und verlor dabei jeweils den Ball. Den ersten Fumble konnte Green Bay noch selbst sichern – beim zweiten Strip-Sack schlug Minnesota zu. Andrew Van Ginkel erzwang und sicherte den Fumble an der 1-Yard-Linie. Ein Spielzug später lief Jordan Mason zum Touchdown.
Und Green Bay bekam keine Gelegenheit mehr, sich zu sammeln. Nur zwei Plays später geriet Love erneut unter Druck. Sein Pass wurde abgefälscht und von James Pierre abgefangen. Minnesota übernahm bereits tief in Packers-Territory. Drei Plays später fing Jefferson seinen zweiten Touchdown. 39:22.
Innerhalb von nicht einmal drei Minuten war aus einer knappen Partie ein Debakel geworden. Die Packers kamen mit ihrem letzten Drive zwar noch einmal in die Red Zone, Punkte entstanden daraus allerdings nicht mehr. Minnesota hatte das Spiel längst entschieden.
Embed from Getty ImagesFazit: Viele gute Ansätze – aber dieselben alten Probleme
Über rund drei Viertel waren die Packers mindestens auf Augenhöhe und über weite Strecken sogar das bessere Team. Jordan Love warf für 387 Yards und zwei Touchdowns. Green Bay scheiterte nicht daran, dass Minnesota über 60 Minuten überlegen gewesen wäre. Die Packers verloren das Spiel durch eine Kombination aus mangelnder Red-Zone-Effizienz, fehlender Laufspielproduktion, Protection-Problemen, Strafen in entscheidenden Situationen und Turnovers. Besonders alarmierend: Nach der 22:10-Führung erzielten die Packers keinen einzigen Punkt mehr, während Minnesota 29 Punkte in Serie gelangen.
Die größte Baustelle ist klar die Offensive Line. Aaron Banks‘ Gesundheitszustand wird deshalb vor Week 2 genau beobachtet werden müssen. Minnesota hat gleichzeitig einen Blueprint geliefert: Solange Green Bay Probleme hat, freie Rusher und aggressive Pressure-Pakete sauber zu identifizieren und aufzunehmen, werden kommende Gegner Brian Flores‘ Ansatz kopieren wollen. Auch defensiv muss Green Bay ansetzen. Drei Strafen bei vermeintlichen Third-Down-Stops innerhalb eines einzigen Drives sind unabhängig von einzelnen umstrittenen Calls zu viel. Gute Defenses müssen in solchen Situationen vom Feld kommen.
Viel Zeit zum Ärgern bleibt den Packers nicht. Bereits am kommenden Sonntag wartet auswärts das nächste Spiel gegen die New York Jets, die ebenfalls mit einem Sieg in ihre Saison gestartet sind. In Week 3 folgt anschließend bereits das Heimspiel gegen die Atlanta Falcons am Donnerstagabend.
Für Green Bay geht es deshalb in den kommenden Tagen vor allem um drei Dinge: Aaron Banks beziehungsweise die Offensive Line stabilisieren, Antworten gegen aggressive Blitz-Pakete entwickeln und endlich lernen, eine Führung konsequent zu Ende zu spielen.
Denn nach diesem Saisonauftakt ist das Problem weniger, ob die Packers guten Football spielen können. Das haben sie in Minneapolis phasenweise gezeigt. Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Können sie ihn über vier Viertel spielen?
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