Quo vadis Rich Bisaccia?

Viele fordern die Entlassung von Special-Teams-Coordinator Rich Bisaccia. Die Packers haben mit ihm den bestbezahlten Special-Teams-Coordinator der NFL und stehen insgesamt nur auf Platz 21 aller Special Teams nach Pro Football Focus. Doch ist der Frust und die Wut auf ihn überhaupt gerechtfertigt? Ist Bisaccia wirklich so schlecht? Welche Entscheidungen trifft er, welche Entscheidungen Head Coach oder sogar der General Manager? Wir blicken genauer auf Rich Bisaccia und das Special Team der Packers.

Special Team ungleich Special Team

In den Medien und in den meisten „einfachen“ Statistiken wird ausschließlich über „die Special Teams“ berichtet. Wenn man die Thematik nun detailliert betrachten möchte, muss man jedoch zwischen den einzelnen Teilen des Special Teams unterscheiden. Unterteilen kann man die Special Teams in Kickoff- und Punt Return, Field Goal (Offense), Field Goal (Defense), sowie Punt- und Kickoff Coverage. Dabei kommt das Special Team von Bisaccia in manchen Bereichen sogar vergleichsweise gut weg. In manch anderen Dingen liegt die Hauptschuld auch gar nicht bei ihm und in wieder anderen Dingen trägt er nahezu keine wirkliche Verantwortung. Aber der Reihe nach.

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Wo ist Bisaccia erfolgreich?

Beim eigenen Kickoff und beim eigenen Punt stellt Bisaccia jeweils eine Top-10-Unit. Beim Kick sind die Packers auf Platz 9 nach DVOA. Beim Punt sogar auf Platz 7. Betrachtet man die beiden Units kombiniert ist nur ein Team in der NFL besser. Dies liegt nicht nur an Punter Daniel Whelan. Auch wenn man nur die gegnerischen Returns betrachtet, stehen die Packers mehr als ordentlich da.

Warum ist das der Fall?

Seitdem Bisaccia in Green Bay ist, hat er dort zwei essenzielle Umstellungen getätigt. Zum einen hat er viele Safeties und Inside-Linebacker in die Special-Teams integriert. Spieler wie Oladapo, Leavitt, Anderson, Melton, Niemann, Welch – sind alles sehr gute Special Teamer und auch häufig nur dort eingesetzt. Zum Zweiten hat Bisaccia dafür gesorgt, dass der fünfte Inside-Linebacker im 53er Roster ausschließlich ein Special-Teamer ist. Nick Nieman in dieser Saison, bzw. seit seiner Verletzung Kristian Welch.

Field Goals?

Eigentlich waren die Packers dort gut aufgestellt. In der Saison 2024 haben die Packers, auch dank Rich Bisaccia, mit Kicker Brandon McManus eine herausragende Verpflichtung getätigt. 2024 erreichte McManus seinen prozentualen Karrierebestwert mit 95,2 % verwandelten Field Goals und 100 % verwandelten Extrapunkten.

Das war in 2025 anders. In 2025 verwandelte McManus nur 24 von 30 Field Goals und 32 von 33 Extrapunkten. Schauen wir uns die nicht verwandelten Field Goal einmal genauer an:

  • vs. Washington aus 48 Yards gegen den linken Upright – kann mal passieren
  • vs. Cleveland aus 43 Yards geblockt (mit Backup-Blocking-Line)
  • vs. Dallas Extra Punkt (mit Backup-Blocking-Line)
  • vs. Pittsburgh aus 57 und aus 44 Yards mutmaßlich mit angeschlagenem Oberschenkel
  • vs. Carolina aus 43 Yards mutmaßlich immer noch nicht bei 100%
  • vs. Philadelphia aus 64 Yards – (sehr utopisch)

Bis zu dem Playoffspiel gegen die Bears war er dann perfekt. Also aus den sechs vergebenen Field Goals und dem Extrapunkt kann man McManus bei einem Field Goal (Washington) die alleinige Schuld geben. Bei allen anderen gibt es Gründe, die man für die verschossenen Versuche anführen kann.

Werfen wir noch einen genaueren Blick auf das Dallas- und das Cleveland-Spiel. Das geblockte Field Goal und der geblockte Extrapunkt. Wie kam es dazu, dass in der Field-Goal-Blocking-Line bei diesen beiden Versuchen ausschließlich Backups spielten, obwohl die Packers ansonsten hier ihre OLine Starter einsetzen? Weil Head Coach Matt LaFleur diesen Snap dafür nutzte, um sämtliche Starter eine Pause zu geben. Frei nach dem Motto „Die Backups schaffen das schon.“ Beide Male kosteten diese Entscheidungen den Sieg.

Nach den beiden Spielen haben die Coaches entsprechende Anpassungen vorgenommen und es spielte nur noch die Starter der OLine. Auch beim Field Goal gegen die Vikings in Woche 18, als ansonsten das ganze Spiel nur die Backups spielten.

McManus Verletzung

Da waren dann noch die verfehlten Field Goals aus den Spielen gegen Pittsburgh, Carolina und Philadelphia. Bei denen Kicker Brandon McManus mit einer Oberschenkelverletzung gespielt und gekickt hatte und das, obwohl ein weiterer Kicker mit Lukas Havrisik im 53-Mann-Kader stand. Wer trägt am Ende die Entscheidung dafür? Hat McManus seinen Einsatz selbst gefordert, weil er Angst um seinen Stammplatz hatte? War es Matt LaFleur oder Rich Bisaccia? Das Drama nahm dann so richtig seinen Lauf, als auch Lukas Haversik gegen die Giants zwei Extrapunkte verschossen hatte.

Wer im Coaching Staff über die Kickersituation entschieden hat, ist für uns als Außenstehende nicht aufzulösen. Die Handhabung der Situation war aber katastrophal und Bisaccia kann man von einer Schuld nicht völlig freisprechen.

Wo war Bisaccia nicht erfolgreich?

Sicherlich gibt es auch mehrere Stellschrauben, an denen das Packers-Special-Team nicht gut abschneidet. Aber ist dies wirklich die Schuld von Rich Bisaccia? Schauen wir erst einmal auf das Return Game.

Return Game

Im Return Game, sowohl Kick- als auch Punt-Return, sind die Packers am unteren Ende der NFL zu finden. Dies hat einen relativ einfachen und nachvollziehbaren Grund. Die Packers investieren nicht in das Return Game. Die Packers haben seit Jahren keinen klassischen Returner in ihrem Roster.

Aber warum ist das so?

Returner sind sehr häufig Wide Receiver. Head Coach Matt LaFleur hat für seine Offense eher größere und schwerere Receiver im Fokus. Returner sind da von Natur aus eher das genaue Gegenteil. Hier könnten lediglich die Slot-Receiver (Jayden Reed und 1st-Round-Rookie Matthew Golden) hineinpassen. Beide haben die Packers als Returner versucht, beide waren nicht sehr erfolgreich.

Die besten Returner der Packers sind in der Regular Season zu wichtig, um sie für Return-Aufgaben einzusetzen und Verletzungen zu riskieren. Keisean Nixon, 2-Time All-Pro-Kickreturner, und Runningback Josh Jacobs. Beide haben in der Saison jede Woche im Training mit den Returnern trainiert. Während der Regular Season hatte beide keinen einzigen Return. Dann, wenn es drauf ankommt, in den Playoffs: Wer hat die Kicks für die Packers returniert? Keisean Nixon und Josh Jacobs.

Letztendlich bietet dann ein 53er Roster bzw. ein 48er Gameday Roster bei den Packers keinen Platz für Spezialisten auf dieser Position.

Field Goal Blocking

Eine Unit der die Packers keine große Aufmerksamkeit schenken. Wenn man Field Goals blocken möchte, muss man statistisch entweder ein sehr großer Defensive Lineman (größer als 2 Meter) sein. Oder ein sehr spritziger, schneller und agiler Rusher. Als Beispiel kann man sich gerne an Calais Campbell, 2,03 m groß (10 Blocks) oder an Julius Peppers (13 Blocks) orientieren.

Bei der Größe sieht es schon einmal schlecht aus. Die Packers sind in der DLine generell eher undersized. Der größte Defensive-Lineman der Packers ist Warren Brinson mit 1,96 m. Ähnlich sieht es bei den Speed-Rushern aus. Bei den Packers kommen da eher Micah Parsons und Rashan Gary in Frage. Ersterer hatte 0 Special-Team-Snaps, letzterer 8 Snaps.

Die Packers nutzen gegnerische Field Goals also eher, um den Startern eine Verschnaufpause zu geben. Sie sichern eher ein mögliches Fake-Field-Goal ab, anstatt vollen Einsatz beim Block des Field-Goals zu geben bzw. dafür das entsprechend beste Personal aufzustellen.

Ob dieses Vorgehen und dieses Roster-Setup allein von einem Special-Teams-Coordinator getroffen werden kann, ist eher zu bezweifeln.

Historie des Special Teams Coordinators

Seit Shawn Slocum wurden die Special-Teams-Koordinatoren in Green Bay stets intern befördert. Ob es eben Slocum, Zook, Mennenga oder Drayton waren. Alle hatten sie ihre Probleme im Special-Team und nur (wenn überhaupt) vereinzelte Lichtblicke. Dies wollten die Packers mit Rich Bisaccia ändern. Bisaccia war bei den Raiders einer der erfolgreichsten Special-Teams-Coordinatoren der NFL.

Die Packers erhofften sich mit der Verpflichtung und der Expertise von Bisaccia als Coach, die fehlende Qualität im Roster auszugleichen. Dies ist, wie oben beschrieben, in manchen Bereichen (gegen den Kick, gegen den Punt und im Field Goal) gelungen. Also mit nahezu keinem Aufwand maximalen Erfolg erzielt.

Kaderplanung & Traditionen – Draft & Develop

In anderen Bereichen ist dies nicht gelungen (Field-Goal-Blocking, Kickreturn, Puntreturn). Warum ist das nicht gelungen? Liegt es am Special-Teams-Coordinator, oder liegt es eher an dem nicht eingeplanten Spielermaterial der Special-Teams?

Ich hatte zuvor erwähnt, dass die Packers für Special-Teamer keinen Roster-Spot übrig haben. Wir kommen nochmal ein darauf zurück: Die Packers sind ein Draft-&-Develop-Team. Sie draften Spieler und parken diese am Ende des Rosters in der Hoffnung, dass sich diese Spieler langfristig zu einem Starter weiterentwickeln. Dies passierte zuletzt mit Rasheed Walker, mit Jordan Morgan, mit Matthew Golden, mit Lukas van Ness, mit Ty’Ron Hopper, mit Eric Stokes, mit Isaiah McDuffie, mit Rashan Gary und und und.

Wenn ein Team diese Strategie fährt und immer mehrere Spots im Roster für diese „Entwicklungsspieler“ einplant, müssen andere Spieler hinten rüberfallen. Das betrifft bei den Packers dann eben den speziellen Kickreturner, den speziellen Puntreturner, die speziellen Gunner, den großen Lineman-Blocker, den speedy blocking Rusher. Diese Spots werden in Green Bay entweder mit regulären Backups oder mit Durchschnittsspielern für diese Aufgabe besetzt, weil sie keine Kapazitäten dafür im Roster mehr haben.

Entlassung von Rich Bisaccia?

Sicherlich hat Bisaccia nicht alles richtig gemacht. Sicherlich waren auch einige klare Fehlentscheidungen dabei. Doch was würde sich mit einer Entlassung tatsächlich ändern? Die grundlegende Herangehensweise der Packers in Sachen Roster Management wohl eher nicht. Auch ein neuer Special-Teams Coordinator hat dort mit denselben schlechten Bedingungen zu kämpfen, dass eben keine ausgebildeten Special Teamer Platz im Roster haben.

Muss man also akzeptieren, dass die Packers ein Draft & Develop Team sind und das auf Kosten von schlechterem Special Teams Play?

Verbleib von Bisaccia?

Rich Bisaccia hat gegen Kickoffs und gegen den Punts das Bestmögliche aus den geringen Mitteln gemacht. Er hat die Packers in zwei Special-Teams Bereichen in die Top 10 geführt. Mit Brandon McManus wurde ein Kicker geholt, der in der Saison 2024 sein Karriere-Bestwert erreichte.

In den anderen Bereichen, wie oben beschrieben, kann man Bisaccia nur bedingt die Schuld geben. Eher schieben die Packers ihm einen Riegel vor, sodass eine Verbesserung bewusst nicht gewollt ist, bzw. dass die Situation für eine mögliche Entwicklung anderer in Kauf genommen wird. Dies können auch andere Special Teams Coordinatoren nicht ändern.

Außerdem genießt Bisaccia auch aufgrund seiner Stellung als Assistent Head Coach ein sehr hohes Standing und eine sehr hohe Akzeptanz im Packers Locker-Room und im Coaching Staff. Ein Verbleib sollte uns daher nicht allzu sehr schocken.

Fazit

Ich möchte mit diesem Artikel Bisaccia in keinster Weise von aller Schuld freisprechen. Er hat viele Dinge im Packers Special Team verbessert und in anderen Dingen sind ihm durch Kaderstrukturen und durch Prioritäten in Offensen und Defense einfach die Hände gebunden.

Ob man damit weiterhin an Bisaccia festhält, oder ob die Packers doch die Reißleinie ziehen bleibt abzuwaren. Mir hat der Artikel und diese neue Sichtweise noch mal einen anderen Standpunkt gegeben und ich würde eher befürworten, dass die Packers mit Bisaccia weiter machen.

Beitrag nach dem Artikel von Justis Mosqueda auf Acme Packing Company.

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