Am 20. Januar verließ Defensive Coordinator Jeff Hafley die Packers, um bei den Miami Dolphins den Posten des Head Coaches zu übernehmen. Über diese Möglichkeit hatten wir bereits im vorletzen Artikel berichtet. In diesem Zuge werden auch Defensive Backs Coach Ryan Downard, Linebackers Coach Sean Duggan und Defensive Quality Control Assistant Wendel Davis nach Miami wechseln.
Damit entstand in Green Bay eine vakante Schlüsselposition. Mehrere Kandidaten galten als mögliche Nachfolger, darunter Al Harris (Bears), Daronte Jones (Vikings) und Christian Parker, inzwischen Defensive Coordinator der Cowboys. Letztlich entschieden sich Matt LaFleur und sein Staff jedoch für Jonathan Gannon, zuletzt Head Coach der Arizona Cardinals.
Wer ist Jonthan Gannon?
Embed from Getty ImagesJonathan Gannon wurde 1983 in Cleveland, Ohio, geboren und wuchs dort auf. In der Highschool war er als Basketballer, Leichtathlet sowie als Wide Receiver und Cornerback aktiv. Seine Leistungen als Footballer galten als so stark, dass ihm reale Chancen auf eine NFL-Karriere attestiert wurden. Sein Traum war es in der NFL zu spielen und später sein ehemaliges Highschool Team zu coachen.
Doch bereits im ersten College-Spiel bei den Louisville Cardinals zog er sich eine schwere Hüftverletzung zu. Diese zwang ihn, seine Spielerkarriere frühzeitig zu beenden.
Vom gescheiterten Spieler zum NFL-Defensive-Architekten
Nach dem Karriereende verlagerte er seinen Fokus vollständig auf eine Trainerlaufbahn und schloss sein Studium ab. Gerade dieser frühe Bruch seiner Spielerkarriere wird von vielen Wegbegleitern als prägend beschrieben – ein Hintergrund, der erklärt, warum Gannon als Coach stark auf Details, Vorbereitung und Spielintelligenz setzt. Während der Zeit lernte er unter Bobby Petrino die Fähigkeiten als Coach. Nach seinem Abschluss nahm ihn Petrino mit zu den Atlanta Falcons (2007), wo er unter anderem Mike Zimmer und Hall of Fame Cornerback Emmitt Thomas kennenlernte.
Nach dem Ende der gemeinsamen Zeit in Atlanta trennten sich auch die Wege von Petrino und Gannon. Entschlossen, in der NFL zu bleiben, arbeitete sich Gannon über Scouting-Positionen bei den St. Louis Rams weiter nach oben. Diese Phase schärfte seinen Blick für Talentbewertung und Spielanalyse. 2014 holte Mike Zimmer ihn schließlich zu den Minnesota Vikings (Assistant Defensive Backs Coach) und ebnete ihm den Weg als Trainer.
Während seiner NFL-Zeit arbeitete er mit zahlreichen einflussreichen Coaches zusammen. Er beeindruckte durch seine Art, seine Energie und sein Football Wissen. Das verhalf ihm 2021 zu vier möglichen Posten als Defensive Coordinator. Brandon Staley (Los Angeles Chargers / einer seiner besten Freunde), Arthur Smith (Atlanta Falcons), Matt Nagy (Bears) und Nick Sirianni (Philadelphia Eagles) wollten ihn alle in ihrem Coaching Staff haben. Gannon entschied sich für Philadelphia.
Der Durchbruch in Philadelphia
Sirianni übernahm 2021 den Headcoach Job von Doug Pederson und installierte Gannon als Defensive Coordinator und Play Caller. Er kannte ihn aus den drei Jahren in Indianapolis, wo Gannon Defensive Backs Coach und Sirianni Offensive Coordinator war. Bei den Eagles blieb er am Ende zwei Jahre. In zwei Jahren gewann das Team 25 von 38 Spielen – ein klarer Erfolg. In den Playoffs scheiterten die Eagles zunächst noch in der Wildcard Round (2021). Im Jahr danach war erst im Super Bowl gegen die Chiefs Schluss.
Bei den Eagles traf er auf ein Team im Umbruch. Auch die Defensive hatte einige Starspieler wie Flechter Cox, Darius Slay, Javon Hargrave. Aber es funktionierte nicht alles wie gewünscht. Spieler wie Flechter Cox performten nicht mehr auf dem gewohnten Level. Das richtige Personal hat man dann erst in der Offseason 2022 gefunden. Mit James Bradburry, Kyzir White, Haason Reddick und J.C. Gardner-Johnson wurden wichtiger Spieler geholt.

Das Resultat war eine der besten Defenses der Liga. Philadelphia stellte eine Top-3-Defense und galt insbesondere gegen den Pass als Maßstab. Die Eagles führten die Liga sowohl bei zugelassenen Passing Yards als auch bei EPA pro Dropback an und rangierten bei Interceptions auf Platz drei. Lediglich 32,4 Prozent der gegnerischen Drives endeten in Punkten (Platz sechs), während 15,1 Prozent in Turnovers mündeten – ein absoluter Spitzenwert. Vor allem die Defensive Backs profitierten sichtbar von Gannons Coaching.
Head Coaching Zeit in Arizona
Es folgte der nächste logische Schritt, wenn man eine erfolgreiche Defensive in der NFL gecoacht hat. Man bekommt Head Coaching Interviews. Das er aber direkt, auch mit nur 2 Jahren Coordinator und Playcalling-Erfahrung direkt Head Coach wird, wurde damals aber auch kritisch beäugt.
Gleichzeitig entsprach seine Verpflichtung einem klaren Trend der letzten Jahre: Junge Coaches erhalten zunehmend früh Verantwortung, sofern sie sich fachlich hervorgetan haben. Genau das traf auf Gannon zu. Er einigte sich schnell mit den Arizona Cardinals und wurde Nachfolger von Kliff Kingsbury. Während Kingsburys Offense als kreativ, aber inkonstant galt, sollte unter Gannon der Fokus auf der Defensive liegen – ein anspruchsvolles Unterfangen angesichts der Kaderstruktur.
Bereits 2023 verlor Arizona mit J.J. Watt (Karriereende) und Zach Allen (Broncos) die beiden besten Defensive Linemen. Mit Budda Baker verfügte die Defense lediglich über einen echten Starspieler. Investitionen in den Folgejahren erhöhten zwar punktuell das Leistungsniveau, konnten die insgesamt unterdurchschnittliche Kaderqualität jedoch nicht nachhaltig beheben.
Über drei Jahre hinweg kassierten die Cardinals im Schnitt 440 Punkte pro Saison. Der Ligaschnitt lag im selben Zeitraum bei 383 Punkten. In zwei von den drei Jahren war man unter den letzten vier Teams der Liga. Gemessen an Expected Points Added (EPA) stellte Arizona in diesem Zeitraum die zweitschlechteste Defense der Liga. Besonders gegen den Pass. In den letzten beiden Spielzeiten war eine leichte Verbesserung erkennbar, der Abstand zum Ligamittelfeld blieb jedoch bestehen.


Bei der Bewertung von Gannons Zeit in Arizona, sollte man nicht seine Arbeit als Head Coach mit der eines Defensive Coordinators gleichzusetzen. In Arizona war er primär Manager, Kulturgeber (und das wird ausdrücklich gelobt im Nachhinein) und Entscheider – nicht Playcaller. Diese Rollen erfordern andere Stärken als die tägliche Arbeit an Scheme, Gameplan und Spielerentwicklung.
Scheme und Stärken/Schwächen
Gannon bezeichnet sich selbst als Coach ohne Scheme. Gannon beschrieb seinen Ansatz bei Amtsantritt in Philadelphia so: „I don’t have a scheme – I believe that you have to be adaptable.“
Man muss sich anpassen können. Er führte das weiter aus, dass man sich zunächst angucken müsste, was die Spieler können und sie versuchen so oft wie möglich in Situationen zu bringen, wo sie ihre Stärken ausspielen können. Als vier Hauptwörter gelten für ihn: „Hustle, intensity, take away und smart“ (kurz „HITS“).
In Philadelphia setzte Gannon überwiegend auf ein Vic-Fangio-inspiriertes System: Vier-Mann-Pass-Rush, Quarters- und Zone-Coverages sowie aggressive Safeties, die den Run früh attackieren. Blitzes wurden selektiv eingesetzt, meist über Linebacker und seltener über Defensive Backs.
In Arizona musste dieser Ansatz angepasst werden. Der 4-Men-Rush erzeugte nicht konstant genug Druck, weshalb häufiger geblitzt wurde. Statt Two-High-Looks nutzte die Defense vermehrt Single-High-Coverages, um Variabilität und Unberechenbarkeit zu erzeugen. Das Ergebnis waren komplexe Pre-Snap-Looks und schwer lesbare Coverages, die bewusst „Chaos“ beim Gegner verursachen sollten. Wer tiefer in diese taktischen Details einsteigen möchte, findet hierzu einen lesenswerten Artikel von 2025 auf readoptional.com.
Bedeutung für die Packers
Was heißt das Ganze jetzt für die Packers und für die kommende Saison? Das ist schwer zu sagen. Zunächst einmal bekommen die Packers einen Coach, der innerhalb der Liga hohes Ansehen genießt und auch in diesem Coaching Cycle sehr gefragt war. Es gab einige Teams, die ihn auf dem Schirm hatten. Neben Gerüchten um die Chargers, Giants, Cowboys und Commanders interviewten ihn die Titans sogar für einen Head-Coach-Posten. Gannon bringt Erfahrung mit einer der erfolgreichsten defensiven Philosophien der letzten Jahre mit und verfügt zusätzlich über Head-Coaching-Erfahrung – ein Aspekt, der für Matt LaFleur eine wichtige Rolle spielte.
Er gilt als energiereicher, intelligenter und äußerst anpassungsfähiger Coach, der sein System nicht starr durchdrückt. Sein Mindset mit „Härte“(„Motor and mean. We want guys that play really, really hard and are really, really mean“) ist unter Spielern und Trainer beliebt.
Mit Evan Williams und Xavier McKinney stehen ihm in Green Bay zwei smarte und athletische Safeties zur Verfügung, die hervorragend zu seinem Ansatz passen. Gleiches gilt für Edgerrin Cooper, der weiterhin in Blitz-Pakete eingebunden werden dürfte. Ein möglicher Abgang von Quay Walker würde zudem Raum für einen anderen Linebacker-Typen neben Cooper schaffen.
Mit Micah Parsons verfügt Gannon erstmals über einen echten Elite-Pass-Rusher dieses Kalibers. Er setzt gerade auch in der Front auf eine größere Rotation und gibt den vielen jungen talentierten Linemen (Van Ness, Wooden, Sorrell, Brinson, Brooks, Oliver) in Green Bay unter Umständen eine gute Chance auf viel/mehr Spielzeit. Entscheidend bleibt jedoch die Weiterentwicklung des Pass Rush insgesamt: Bleibt der Druck von der Front aus, stößt auch Gannons System an Grenzen – ein einzelner Starspieler reicht dafür nicht aus.
Die Entwicklung der Defensive Backs in Philadelphia ist besonders relevant: Auch dort setzte Gannon früh auf junge Spieler und vertraute auf Coaching statt auf Veteranenlösungen – ein Ansatz, der gut zur aktuellen Situation der Packers-Secondary passt.
Eine neue Personalie in „seinem“ Staff gibt es auch schon. Die Packers haben Bobby Babich als neunen Defensive pass game coordinator/secondary geholt.
Bobby Babich war jahrelang mit seinem Vater (Bob / Linebacker Coach) bei den Buffalo Bills. In seiner Zeit als Safeties Coach entwickelten sich Jordan Poyer und Micah Hyde zu den zeitweise besten Spieler auf ihrer Position. Gleiches gilt für die Zeit als Linebacker Coach bzgl. Tremaine Edmunds, Matt Milano und Terrel Bernard. 2024 wurde er dann zum Defensive Coordinator bei den Bills befördert. Allerdings lief gerade die Saison 2025 nicht unbedingt zu seinen Gunsten, sodass sein Vertrag nicht verlängert wurde. Eine spannende Personalie, die wohl die wichtigste Rolle hinter Gannon einnimmt.
Wie bereits im Artikel zur Vertragsverlängerung von Matt LaFleur erwähnt, stehen die Packers vor mehreren personellen Baustellen. Zunächst muss der Coaching Staff nach der großen Rochade vervollständigt werden, anschließend sind zentrale Personalfragen zu Spielern wie Rashan Gary, Keisean Nixon und Quay Walker zu klären.
Fazit
Mit Jonathan Gannon und Bobby Babich verpflichten die Packers zwei Trainer mit starkem Defensive-Back-Hintergrund. Jeff Hafley hat große Fußstapfen hinterlassen, zumal viele Defensive Coordinators in der LaFleur-Ära weniger erfolgreich agierten. Gannon bringt jedoch die Voraussetzungen mit, diese Lücke zu füllen. Sein unkonventioneller Karriereweg über Scouting, Assistenzrollen und Positionsarbeit könnte sich insbesondere bei der Entwicklung junger Defensivspieler als Vorteil erweisen.
Es ist vielleicht nicht die glamouröste Lösung, die die Packers hätten wählen können, aber es ist eine pragmatische, die dennoch einiges an Potenzial mitbringt. Seine größte Stärke liegt nicht im schnellen Turnaround, sondern im Aufbau einer stabilen, anpassungsfähigen Defense. Wenn die Packers ihm Zeit und passendes Personal geben, kann diese Verpflichtung mittelfristig einen klaren defensiven Fingerabdruck hinterlassen. Und Gannon wäre auch nicht der erste, der nach einer eher erfolglosen Zeit als Head Coach, als Defensive Coordinator wieder angreift und eine Top Unit aufbaut.
Wer tiefer in Gannons Karriere und sein Netzwerk eintauchen möchte, findet weitere Einblicke in einer ausführlichen Story auf ESPN.com, die auch als Informations- und Inspirationsquelle für diesen Artikel diente.
Habt ihr Fragen oder wollt euch austauschen? Dann folgt uns auf Social Media oder kommt in unseren Discord-Server!
