Die verdrehte Logik des Geld-Verzichts

„Aaron Rodgers muss jetzt auch mal auf ein bisschen Geld verzichten, damit man sich genügend gute Spieler holen kann und endlich mal die Liga gewinnen kann“.

Wie oft habe ich diesen Satz in den letzten 6 Jahren gehört, seitdem ich die NFL verfolge? Der Name Rodgers lässt sich auch gegen jeden anderen Spieler austauschen, der einen großen Deal vor der Nase hat.

Meine Entgegnung ist immer: Stell dir vor, du bekommst von einer anderen Firma ein Angebot, bei der du das doppelte verdienst und dein Chef klatscht dir diesen Satz hin. „Wir können dir nicht so viel Geld geben. Verzichte doch bitte auf ein bisschen Geld und bleibe bei uns in diesem tollen Team.“ Woraufhin ich zu hören bekomme: „ja, aber er verdient doch genug. Auf ein oder zwei Millionen mehr oder weniger kommt es auch nicht an.“

Es gibt gute Gründe gegen einen Gehaltsverzicht

Die durchschnittliche Verweildauer in der NFL liegt bei 3,3 Jahren laut Statista. Quarterbacks und Kicker schaffen mehr als 4 im Durchschnitt, Runningbacks aber meist nur zweieinhalb. Das System der NFL mit Rookie-Verträgen von vier Jahren sorgt dafür, dass die überwiegende Mehrheit der Liga mit Brotkrumen abgespeist wird.

Es geht noch weiter: Die meisten Spieler der NFL werden diese Liga mit einem dauerhaften Schaden verlassen. Wenn nicht direkt körperlich sichtbar, dass sie zum Beispiel schlechter laufen können, dann bekommen sie ziemlich sicher CTE. Ein Hirnschaden, der durch die Kollisionen ausgelöst wird. Zuerst beim Boxen beobachtet, ist mittlerweile auch klar, dass wohl die meisten NFL-Spieler daran leiden werden und Symptome wie bei Alzheimer entwickeln werden, gepaart mit Suizidgedanken. Klingt verlockend, oder?

Wenn ich nicht auf Geld verzichte, warum sollte es jemand mit einer extrem kurzen Karriere?

Wenn ich also in meinem Bürojob im Homeoffice, bei dem als größtes Risiko die Bohnen in der Kaffeemaschine leer sein können, nicht auf Geld verzichte, warum sollten es dann die NFL-Spieler? Allen voran die Quarterback dürfen sich nicht auf eine Verhandlung „zugunsten anderer“ einlassen. Denn stellt euch mal die Situation bei eurem nächsten Personalgespräch mit HR und eurem Chef vor, wo der Chef als erstes sagt: „Also nur vorab, zum Wohle der Firma habe ich auf 20% meines Gehalts verzichtet. Reden wir jetzt also über deins.“ Wie ist da wohl die Verhandlungsgrundlage? Ich behaupte mal, nicht besonders gut.

Auch wenn die Quarterbacks oder generell Star-Spieler nicht die Chefs der anderen sind, so gehen sie doch mit gutem Beispiel voran. Verzichtet der Quarterback also auf Geld, geht der GM zu 100% zum nächsten Spieler, sagen wir mal dem dritten Wide Receiver und sagt ihm: „Aaron hat auf x Millionen verzichtet, um mit diesem Team den Super Bowl zu gewinnen. Du willst das doch auch, oder? Na dann, auf wie viel kannst du verzichten?“ Der dritte Wide Receiver verdient aber eben keine zig Millionen. Aber auch bei ihm muss sein Gehalt für viele Jahre reichen, um seine Familie zu ernähren, sein Haus abzubezahlen und Essen auf dem Tisch zu haben.

Der Advocatus Diabolus

Nehmen wir mal an, das System klappt wie in New England. Alle verzichten auf Geld, alle gewinnen den Super Bowl, danach gehen die Spieler woanders hin und verdienen sich mit Glück eine goldene Nase. Dann passt das bis auf einen kleinen Denkfehler: Wenn alle Teams so handeln und die Liga ausnutzen, zu welchem anderen Team sollen die Spieler dann wechseln? Und nicht jeder Spieler hat wie Tom Brady eine Frau, die selbst Multimillionärin ist und eine Lifestyle-Marke, die im Stadion der Patriots für einen Appel‘ und ein Ei als Miete den Flagship-Store hat. Ergo ist das Tom-Brady-Argument auch hinfällig.

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Von anderen zu verlangen auf Geld zu verzichten, das sie eigentlich verdient hätten, nur damit man als Fan selbst etwas davon hat (darauf läuft es ja schlussendlich hinaus), ist zum einen egoistisch und zum anderen verkennt es, dass die Spieler möglicherweise ihr Leben lang von diesem Gehalt zehren müssen. Möglicherweise ist es das einzige Mal, dass sie richtig viel Geld verdienen. Denn die Chance nach dem Rookie-Vertrag und einem ersten „richtigen“ Vertrag eine Verlängerung zu bekommen, die steht weniger als 1% der Spieler, die es überhaupt erst in die NFL schaffen offen, ganz zu schweigen von den Abertausenden College-Spielern, die keinen müden Cent sehen, weil die NCAA sie als „student players“ ausnutzt (das ist Thema für einen anderen Tag), aber laut einigen aktuellen Studien trotzdem ein hohes Risiko für einen dauerhaften Hirnschaden haben.

Das durchschnittliche Gehalt einer NFL-Karriere liegt bei 3 Millionen. Das liegt nach Abzug aller Steuern und Kosten sicher nicht weit weg von dem, was ein durchschnittlicher Amerikaner in seinem Leben ($1,7 Mio) verdient – wenn sich die Spieler ein normales Leben leisten würden, was sie quasi nie tun, weil sie auch „dazugehören“ wollen.

Wenn der Quarterback nicht auf Geld verzichtet, muss das auch kein Mitspieler tun.

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