Kaderanalyse – Offensive Line

Kommen wir in der heutigen Kaderanalyse wieder zurück auf die offensive Seite. Wir beschäftigen uns mit einer Positionsgruppe in der die Packers traditionell gut aufgestellt waren, traditionell gut gedraftet hatten, traditionell gut analysiert hatten und traditionell gut gecoached hatten, die Offensive Line. Nicht um sonst wurde der Offensive Line Coach Adam Stenavich zum neuen Offensive Coordinator, aber hält diese Tradition auch in der kommenden Saison an und was muss dafür noch getan werden?

Offensive Line 2021 – Fort Knox oder Schweizer Käse?

Die 2020 Saison war wohl eine der Besten in der Historie der Green Bay Packers in Sachen der Offensive Line. Die Regular Season wurde auf Platz Zwei der NFL nach PFF beendet. Einziger Makel daran war der Kreuzbandriss von All-Pro LT David Bakhtiari am 31.12.2020.

Daher war es offensichtlich, dass sich zur 2021er Saison einiges, auch in der zweitbesten Offensive Line, verändern musste. Vor der Free Agency war eine große Frage, wen die Packers denn verlängern sollten, entweder All-Pro Center Corey Linsley, der zwangsweise zum bestbezahlten Center der NFL werden müsste (was er später auch wurde), oder Touchdown-Maschine RB Aaron Jones.

Die Packers entschieden sich für Jones und ließen Linsley zu den Chargers gehen. Dadurch war klar, dass die Veränderungen in der Line noch größer werden sollten. Dazu kam außerdem noch die Entlassung von RT Rick Wagner.

Vor dem Draft standen die Packers vor einigen Fragezeichen:

  • Was ist mit LT Bakhtiari und seiner Verletzung
  • Wer besetzt die Center-Position
  • Wie wird mit der Right-Guard / Right-Tackle Position umgegangen

Drei Baustellen für die ehemals zweitbeste Line der NFL.

NFL Draft und Free Agency 2021 – Glücksgriff oder besserer Durchschnitt

Neun Draft Picks standen auf dem Konto der Packers. Mit deutlich mehr Baustellen als „nur“ die Offensive Line steckte GM Brian Gutekunst dennoch den größten Anteil, und zwar 33% aller Draftpicks in eben diese. Einen frühen, einen mittleren und einen späten Pick.

In der zweiten Runde wählte man Center Josh Myers von Ohio State aus. Der Pick war zu diesem Zeitpunkt schon etwas verwunderlich, weil Myers bei den meisten Experten im Vorfeld deutlich hinter dem vermeintlich besten Center im Draft Creed Humphrey geranked war. Die Packers begründeten dies mit dem besseren Scheme-Fit.

In der vierten Runde holte man Mississippis Hybrid Tackle/Guard Royce Newman. Gerade in den mittleren und späten Runden scheint das Packers Scouting Team ein Adlerauge bei den O-Linern zu haben. Auch hier bei Newman sollte sich dies bestätigen, denn wer erwartet schon, dass ein 4th Rounder direkt ein Full-Time Starter werden kann?

In der sechsten Runde, mein emotionaler Lieblingspick, holten die Packers den Home-Grown, Green Bays Own, Hybrid Tackle / Guard Cole van Lanen von den Wisconsin Badgers. Van Lanen kam aber in der Saison auf lediglich einen einzigen Snap als Right Guard im vorletzten Saisonspiel gegen die Vikings. Durch eine Entlassung während der Saison war sein 4-Year-Rookie Deal zwar dahin, aber van Lanen wurde auch für die kommende Saison zumindest mit einem Future-Deal ausgestattet.

Außerhalb des Drafts wurde noch Left Tackle Yosh Nijman als Restricted Free Agent mit dem Tender belegt und verlängert. Kurz vor Beginn des Trainingscamps nahmen die Packers den ehemaligen Titans Tackle Dennis Kelly unter Vertrag.

2021 Saison und immer wieder Probleme

Die eigentlich auf dem Papier beste Line, die die Packers hätten stellen können, sähe von links nach rechts, wie folgt aus: Bakhtiari, Jenkins, Myers, Newman/Patrick, Turner. Diese Line, und das vorweg, hat niemals zusammen gespielt in der abgelaufenen Saison.

Die erste Hiobsbotschaft kam, einigermaßen erwartungsgemäß kurz vor der Saison, als man All-Pro LT David Bakhtiari nicht von der PUP-List aktivierte, was damit einherging, dass er mindestens die ersten sechs Spiele verpassen würde.

Diesen Rückschlag konnte man überraschend gut durch die Versetzung von Allrounder Elgton Jenkins auf Left Tackle und für ihn 2nd Year Jon Runyan auf Left Guard umgehen.

Bereits in Woche drei war auch dieses Line-Up wieder hinfällig, weil sich LT Elgton Jenkins eine Knöchelverletzung zugezogen hatte, die ihm eine Zwangspause von drei Wochen einbrachte. Als Ersatz kam hier 3rd String Left Tackle Yosh Nijman zum Einsatz. In diesen drei Spielen avancierte Nijman in Anbetracht zu seiner Rolle im Kader zu einer der Überraschungen der Saison. Er ließ unter anderem gegen Nick Bosa, Defensive Player of the Year TJ Watt und Trey Hendrickson zusammen nur fünf QB Pressures zu.

Immer wieder neue Hiobsbotschaften

Quasi mit der Rückkehr von Jenkins erfolgte direkt die nächste Hiobsbotschaft für die Packers. Rookie Center Josh Myers, der bis zu diesem Zeitpunkt eine durchaus solide bis gute Saison, und für einem Rookie mehr als zufriedenstellende Saison spielte, muss am Knie operiert werden und fällt auf erstmal unbestimmte Zeit aus. Zu diesem Zeitpunkt war noch nicht klar, dass er quasi für den Rest der Regular Season ausfallen würde, das „bedeutungslose“ Lions-Spiel in Woche 18 einmal ausgenommen.

Die Packers waren also erneut gezwungen die Line umzustellen, und zwar wie folgt (vlnr.) Jenkins – Runyan – Patrick – Newman – Turner. Wie sagt ein deutsches Sprichwort so schön, hat man “sch…. am Schuh hat man sch…. am Schuh”, hielt auch diese Line nur bis zu der nächsten und damit dritten Hiobsbotschaft. Denn nur fünf Wochen später hat es wieder Elgton Jenkins erwischt. Jenkins, der zu diesem Zeitpunkt sogar auf All-Pro Niveau gespielt hatte, hat sich in Woche Zwölf gegen die Vikings das Kreuzband gerissen und für ihn war die Saison damit, logischerweise, auch beendet.

Zu dieser Zeit war Left Tackle David Bakhtiari bereits von der PUP-List aktiviert worden. Dass er eher später als früher wieder in das Spielgeschehen eingreifen würde, da Bakhtiari nur in unregelmäßigen Fällen am Teamtraining teilgenommen hat und sich sogar noch einer weiteren kleineren Arthroskopie unterziehen musste, um Narbengewebe im Knie zu entfernen, war abzusehen.

Verletzungspech hält an

Die Bye-Week in Woche 13 endlich erreicht, hoffte man, dass einige Spieler, nicht nur in der Offensive Line zurückkehren würden. Aber Fehlanzeige. Ganz im Gegenteil sogar, auch Right Tackle Billy Turner hat sich in Woche 14 gegen die Bears am Knie verletzt. Dadurch war für ihn zumindest die Regular Season beendet. Zu den Playoffs konnte er dank der Bye-Week in der Wildcard Round wieder zurückkehren.

Durch diese weitere Verletzung, war Matt LaFleur und Adam Stenavich erneut gezwungen die Offensive Line umzustellen. Je weniger die Line umgestellt wird, desto konstanter ist die Leistung, desto eingespielter wird die Line mit dem QB (gerade mit zwei Rookies), desto besser performt die Line als Gesamtes.

Zum Saisonende sah die Line demnach wie folgt aus (vlnr): Nijman – Runyan – Patrick – Newman – Kelly. Nijman, Runyan und Newman hatten vor dieser Saison zusammen (!) 174 Snaps auf dem Konto als Erfahrungswert stehen.  

Comeback und Playoffs

Erst zum letzten Saisonspiel kamen die guten Nachrichten zurück nach Titletown, wobei das Spiel für die Packers egal war. Denn die 1st Round Bye und der 1st Seed der NFC waren bereits fix. Rookie Center Josh Myers und All-Pro Left Tackle David Bakhtiari konnten jeweils ein Viertel spielen. Es war absehbar, dass Right Tackle Billy Turner zu den Playoffs wieder zurückkehren würde. Hoffnung und eine positive Grundstimmung kamen auf, bis Bakhtiari erneut nicht trainieren konnte. Nik hatte dies seinerzeit ausführlich in seiner Kolumne erläutert. Head Coach Matt LaFleur musste für das Divisional Playoff Spiel eine komplett neue Line aus seinem Hut zaubern (vlnr) Turner – Runyan – Myers – Patrick – Kelly.

Warum? Die Frage kann nur er beantworten.

Letztendlich beendet die Packers Offensive Line die Saison im oberen Mittelfeld, auf Platz 14, der NFL. Ja es ist ein Rückschritt um zwölf ganze Plätze. Durch die ganzen Verletzungen von Bakhtiari, Jenkins, Myers, Jenkins, Turner und die damit einhergehenden sämtlichen Rotationen konnte nie wirkliche eine Konstanz und eine Kontinuität entstehen. Dass Yosh Nijman, der eigentliche 3rd String Left Tackle, ganze neun Spiele gestartet hat, und das für einen 3rd String Left Tackle vergleichsweise ziemlich gut, kommt da noch on top.

Die Tiefe der Offensive Line hat die Packers mehrfach gerettet. Damit hat die Line einen maßgeblichen Anteil an dem 1st Seed in der NFC. Mit so vielen, teils schwerwiegenden Verletzungen ist es allerdings nicht möglich weiterhin auf so einem Top-Level zu performen. Deswegen bin ich mit Platz 14 nach PFF und mit der Leistung die möglich war, sehr zufrieden. Nichtsdestotrotz sehe ich die Entscheidung von LaFleur zu der Wahl der O-Line im Playoff-Spiel gegen die 49ers weiterhin kritisch.

Ausblick – Saison 2022

Praktisch ist die komplette Starting Line auch im Roster der neuen Saison. Bakhtiari, Jenkins, Runyan, Myers, Newman, Turner. Dazu können die Packers Left Tackle Yosh Nijman als RFA mit dem Tender belegen und einigermaßen günstig halten. Das könnte sogar noch sinnvoller erscheinen, wenn beachtet wird, dass Jenkins zu Saisonbeginn noch fehlen könnte. Mit Center Menet, Center Hanson und Guard/Tackle van Lanen stehen insgesamt nur neun Offensive Lineman im Roster der Packers. Die benötigte Tiefe, die die Packers gerade in der letzten Saison mehr als gerettet hat, ist nicht vorhanden. Tackle Dennis Kelly und Center/Guard Lucas Patrick sind Starter, deren Verträge auslaufen. Mit Guard/Tackle Billy Turner haben die Packers einen Spieler im Kader, der entlassen werden könnte, um Cap Space zu kreieren.

Wie könnte die Starting Offensive Line 2022 aussehen?

Die Frage kann noch nicht final beantwortet werden. Vieles ist vom Heilungsverlauf des Kreuzbandes von Elgton Jenkins abhängig.
Jenkins hat sich Mitte November das Kreuzband gerissen. Als Timeline Vergleich zu Bakhtiari, ca. anderthalb Monate früher.
Bei einem ähnlichen Verlauf zu Bakhtiari würde Jenkins potenziell Anfang / Mitte November zurückkehren. Damit verpasst er ca. die ersten 8 Wochen der Saison.
Bei einem guten Verlauf könnte Jenkins zum Ende der PreSeason wieder fit sein. Ggf. würde er durch Trainingsrückstand noch ein paar Spiele verpassen.

So könnte eine mögliche Offensive-Line der kommenden Saison aussehen:

  • Ohne Jenkins und mit Turner (vlnr): Bakhtiari – Runyan – Myers – Newman – Turner
  • Ohne Jenkins und ohne Turner (vlnr): Bakhtiari – Runyan – Myers – Newman – Nijman
  • Mit Jenkins und ohne Turner (vlnr): Bakhtiari – Runyan – Myers – Newman – Jenkins /
    • oder (vlnr): Bakhtiari – Jenkins – Myers – Newman – Nijman
    • oder(vlnr): Bakhtiari – Jenkins – Myers – Runyan – Nijman
  • Mit Jenkins und mit Turner gibt es da noch viel mehr verschiedene Variationen.

Ausblick – Draft und Free Agency

Wie schon erwähnt und bekannt, sieht es in Sachen Salary Cap nicht besonders rosig in Green Bay aus, daher könnte man sich auch von Right Tackle Billy Turner trennen, um weiter Cap Space zu kreieren. Es stehen aktuell neun O-Liner im Kader der Packers (Bakhtiari, Jenkins, Runyan, Myers, Newman, Turner, van Lanen, Hanson und Menet)
Die Minicamps und das Trainingscamp starten die Packers tendenziell mit wesentlich mehr Linern. In der vergangenen Saison waren das 16 Offensive Lineman. In die Saison, nach dem Roster Cut, sollten noch acht oder neun O-Liner im Roster stehen.
Auf jeden Fall benötigen die Packers in der Free Agency jemanden mit Erfahrung, der den jüngeren Spielern und den Rookies zur Seite stehen kann. Möglicherweise auch noch jemanden, der auf einem hohen Niveau spielen kann. Für den Fall, dass Jenkins später zurückkehren wird. Für die Tiefe sollten die Packers im Draft auch mindestens zwei Liner, am besten Hybrid Guard / Tackle Liner draften.

Das Grundgerüst der Offensive Line steht so weit in Green Bay und kann unabhängig von der Verletzung von Jenkins gehandelt werden. Allerdings fehlt es hinter diesem an allen Ecken und Enden in der Tiefe, da muss in der Free Agency, im Draft und über die Undrafted Free Agents Nachschub geholt werden. In der Free Agency sind die Möglichkeiten aufgrund der Cap-Probleme allerdings stark begrenzt.

Causa Elgton Jenkins

Außerdem muss die Causa Elgton Jenkins angesprochen werden. Tackle / Guard / Center Elgton Jenkins geht in sein viertes und letztes Vertragsjahr. Um dort diesbezüglich kein Fass, wie mit Davante Adams aktuell, aufzumachen, sollte man im besten Fall in dieser Offseason seinen Berater kontaktieren und einen neuen Deal aushandeln.

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Aktuell sind die Packers noch in einer besseren Verhandlungsposition. Denn Jenkins’ Zustand und seine zukünftige Leistung sind aufgrund Kreuzbandrisses noch ungewiss. Daher könnte dies als Argument genommen werden, um das Gehalt etwas zu drücken. Dass Jenkins allerdings Tackle-Gehalt, also Top-Money haben möchte und ihm dies auch zustehen könnte, hat er in dieser Saison deutlich unter Beweis gestellt.

2 Gedanken zu “Kaderanalyse – Offensive Line

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